ANATOMIE Allgemeine Anatomie und Histologie
2.7. .Allgemeine Anatomie des Bewegungsapparates
2.7.3. .Skelettmuskulatur




Die Skelettmuskulatur bildet den aktiven Bewegungsapparat. Durch zahlreiche Einzelmuskeln, die sich in vielfältiger Weise zu Funktionssystemen zusammenschließen, wird der passive Bewegungsapparat bewegt.

Aufbau und Form

Aufbau

Komponenten

Ein Skelettmuskel besteht aus einem Muskelbauch (Venter) aus quergestreiften Muskelfasern bzw. Muskelfaserbündeln, der an beiden Enden in eine Sehne (Tendo) übergeht.

Die Muskelfasern und -faserbündel sind von Hüllgewebe umgeben, das dem Zusammenhalt des Muskels dient und ein reibungsarmes Gleiten ermöglicht. Man unterscheidet:
  • Endomysium: lockere Bindegewebshülle um eine einzelne Muskelfaser

  • Perimysium: fasst Muskelfasern zu einem Muskelfaserbündel (Fasciculus muscularis) zusammen

  • Epimysium: lockere Bindegewebshülle um den ganzen Muskelbauch.


    Sehnen übertragen den Muskelzug auf den Knochen. Sie bestehen aus zugfesten Kollagenfasern und sind nur wenig vaskularisiert. Länglich geformte Muskeln inserieren über schlanke Sehnen, großflächige Muskeln über flächenhafte Sehnen (Aponeurosen).

    Muskel-Sehnen-Verbindung

    Die Verbindung zwischen Muskel und Sehne erfolgt nie in einer Ebene, sondern immer gestaffelt. Die Sehnenfasern schieben sich dabei zwischen die Muskelfaserbündel. Sie sind mittels Hemidesmosomen an der Membran der Muskelfasern befestigt.

    Muskel-Skelett-Verbindung

    Die Insertion eines Muskels am Knochen erfolgt immer über Sehnen. Großflächige Ursprungs- bzw. Ansatzsehnen strahlen in das Periost ein und werden über Sharpey-Fasern im Knochen verankert. Sehnen mit kleinem Querschnitt inserieren an Apophysen und strahlen direkt in den Knochen ein. Das Periost weist an diesen Stellen entsprechende Lücken auf.


    MERKE:

    Die Insertionsstelle der Sehne am beweglicheren Knochen (Punctum mobile) bezeichnet man als Ansatz des Muskels, die Insertionsstelle der Sehne am unbeweglicheren Knochen (Punctum fixum) als Ursprung des Muskels oder Muskelkopf (Caput). An den Extremitäten ist der Ansatz immer distal, der Ursprung proximal.





    KLINIK:

    Die Verankerung von Sehnen am Knochen ist sehr fest. Reißt die Sehne hier, wird meist ein Stück Knochen mit ausgerissen (Abrissfraktur).



    Form
  • einbäuchiger Muskel: die Mehrzahl der Skelettmuskeln

  • zwei- oder mehrbäuchige Muskeln: Der Muskelbauch ist durch Zwischensehnen (Intersectiones tendineae) gegliedert. Beispiel:

    > zweibäuchiger Muskel: M. digastricus, M. omohyoideus
    > mehrbäuchiger Muskel: M. rectus abdominis
  • einköpfiger Muskel: die Mehrzahl der Skelettmuskeln

  • zwei- oder mehrköpfige Muskeln: Muskeln mit mehreren Ursprungsportionen. Beispiel:

    > zweiköpfiger Muskel: M. biceps brachii
    > mehrköpfiger Muskel: M. quadriceps femoris
  • parallelfaseriger Muskel: Die Sehnenfasern setzen die Verlaufsrichtung der Muskelfasern fort.



  • gefiederter Muskel: Die Sehnenfasern gehen schräg in die Sehne über (Fiederung). Der Winkel zwischen Muskel- und Sehnenfasern heißt Fiede-rungswinkel und spielt für die Effizienz der Kraftübertragung eine große Rolle.

    MERKE:

    Je kleiner der Fiederungswinkel, desto größer ist die resultierende Hubkraft.

    > Beim einfach gefiederten Muskel (M. unipennatus) gehen die Muskelfasern auf einer Seite der Sehne in diese über.
    > Beim doppelt gefiederten Muskel (M. bipennatus) gehen sie auf beiden Seiten der Sehne in diese über.


    Allgemeine Muskelnechanik

    Physiologischer Querschnitt

    Der physiologische Querschnitt ist die Summe der Querschnitte aller Muskelfasern. Er verläuft senkrecht zur Verlaufsrichtung der Muskelfasern. Da die Kraft eines Muskels proportional der Zahl der sich kontrahierenden Muskelfasern ist, lässt sich aus dem physiologischen Querschnitt die absolute Muskelkraft errechnen.


    MERKE:

    Ein physiologischer Querschnitt von 1 m2 entspricht etwa einer Muskelkraft von 60 Newton.



    Anatomischer Querschnitt

    Dies ist der Querschnitt durch den Muskel an seiner dicksten Stelle senkrecht zu seiner Längsachse. Er stimmt nur bei parallelfaserigen Muskeln mit dem physiologischen Muskelquerschnitt überein. Eine direkte Beziehung zwischen dem anatomischen Querschnitt und der Muskelkraft besteht nicht.

    Bei einer Kontraktion werden Ursprung und Ansatz eines Muskels einander angenähert. Nur selten liegen Ursprungs- und Ansatzsehnen in einer Geraden, meist drehen Muskeln in Gelenken. Dann gilt das allgemeine Hebelgesetz:

    Kraft X Kraftarm = Last X Lastarm



    MERKE:

    Je weiter entfernt ein Muskel vom Drehpunkt ansetzt, desto größer ist seine Kraftwirkung.



    Grundbegriffe der Muskelfunktion

    Funktionelle Muskelgruppe

    Gruppe von Muskeln mit gleicher Funktion. Beispiel: Extensorengruppe des Armes, Adduktoren des Hüftgelenks.

    Genetische Muskelgruppe

    Gruppe von Muskeln gleicher Herkunft, die vom gleichen Nerv innerviert werden. Beispiel: mimische Muskulatur (N. facialis), autochthone Rückenmuskulatur (Rr. dorsales der Spinalnerven).

    Synergisten

    Muskeln, die bei einer Bewegung gleichsinnig zusammenwirken. Beispiel: M. biceps brachii, M.brachialis und M. brachioradialis beim Beugen des Ellenbogengelenks.

    Antagonisten

    Muskeln, die entgegengesetzte Bewegungen ausführen (Gegenspieler). Beispiel: M. biceps brachii und M.triceps brachii.

    Bewegungsmuskeln

    Muskeln, die überwiegend schnelle Bewegungen ausführen. Sie sind reich an Glykogen, aber schlecht durchblutet (anaerobe oder "weiße Muskeln") und ermüden rasch. Beispiel: M. biceps brachii.

    Haltemuskeln

    Muskel, die durch lang andauernde Kontraktionen eine bestimmte Körperhaltung aufrecht erhalten. Sie sind reich an Myoglobin, gut durchblutet (aerobe oder "rote Muskeln") und ermüden nur langsam. Beispiel: autochthone Rückenmuskulatur.


    MERKE:

    Im Körper gibt es deutlich mehr Halte- als Bewegungsmuskeln!



    Isometrische Kontraktion

    Spannungsentwicklung ohne Muskelverkürzung. Beispiel: Halten eines Gewichts.

    Isotonische Kontraktion

    Muskelverkürzung bei konstanter Last. Beispiel: Anheben eines Gewichts.

    Auxotonische Kontraktion

    Muskelverkürzung bei gleichzeitiger Zunahme der Kraft. Beispiel: Speerwurf und andere ballistische, d. h. sehr schnelle Bewegungen.

    Aktive Muskelinsuffizienz

    Unfähigkeit eines Muskels, sich weiter zu verkürzen, da der Zustand maximaler Verkürzung schon erreicht ist. Tritt vor allem bei mehrgelenkigen, d. h. mehrere Gelenke überspannenden Muskeln auf. Beispiel:


  • Bei gestrecktem Hüftgelenk lässt sich die ischiokrurale Muskulatur nicht so stark verkürzen, dass im Kniegelenk eine maximale Beugung durchgeführt wird und die Ferse das Gesäß berühren kann.



  • Bei gebeugtem Ellenbogen- und Handgelenk lässt sich die Hand nicht kraftvoll schließen, da die langen Fingerbeuger schon maximal verkürzt sind.


    Passive Muskelinsuffizienz

    Eine Bewegung kann durch einen Muskel nicht maximal ausgeführt werden, weil der Antagonist nicht mehr weiter gedehnt werden kann. Beispiel: Die ischiokrurale Muskulatur lässt sich bei durchgestrecktem Kniegelenk nicht so stark dehnen, dass im Hüftgelenk eine maximale Beugung möglich ist.

    nach oben

    vorherige Seite
    zurückZurück zum Inhaltsverzeichnis
    nächste Seite